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Spießer und Bremskeile

Sie werden noch an mich denken – Bremskeile
Wieder einmal berichtete mir unsere Älteste dieser Tage von der Fernsehwerbung, in der das Hippietöchterchen eingedenk diverser Herrlichkeiten, die ihr vom Papa „Spießer“ geschimpf-ter Bauspareronkel angesammelt hat, als Berufswunsch anmeldet: Papa, ich möchte Spießer werden. Wie immer lachten wir. Dann Schweigen. Der Blick meiner Großen mäanderte über die Dächer der Stadt. In der Luft lag eine Frage, von der ich hoffte, sie würde nicht gestellt, weil mir eine wohlüberlegte Antwort nicht zu Gebote stand. Aber da war sie schon, die Frage: Papa, was sind Spießer? Schweigen. Diesmal, weil ich auf eine Antwort sann, die korrekt war, die gnädig mit einigen meiner Gewohnheiten und denen bestimmter Bekannter und aller Bausparer dieser Welt verfuhr, die aber auch nicht des angebrachten kritischen Untertons entbehrte. Dann hörte ich mich sagen: Spießer sind Menschen, die das Risiko scheuen, das Ungewisse, das Unbekannte. Sie wissen gern, woran sie sind und was als nächstes passiert. Sie möchten wissen, wer nebenan einzieht und dass da keine Kinder sind, die unkalkulierbar Zukunftsmusik machen oder junge Menschen mit wechselndem Besuch. Sie möchten wissen, wo sie einkaufen und wo ihr Auto abstellen können. Wenn sie nicht verreisen, tun sie das, weil sie die vielen Ausländer andernorts fürchten, zum Beispiel in Spanien die vielen Spanier. Wenn sie verreisen, tun sie das mit ausreichend Bargeld im Brustbeutel, Klappstühlen und allzeit einem leistungsfähigen Bremskeil. Einem Bremskeil? Hier hakte meine Große ein, und ich erzählte meine Lieblingsgeschichte vom Bremskeil: Im Urlaub habe ich jeden Abend ein Auto aus Berlin gesehen, einen neuen Toyota. Er parkte immer an einer Stelle, die leicht abschüssig war, etwa so abschüssig wie der Kabutzenhof in Rostock an seiner steilsten Stelle, nicht wieter schlimm also. Ungefähr drei Meter vor dem Auto stand ein Baum, dann folgte ein Bootsschuppen, dann allerdings, noch einige Meter weiter, öffnete sich ein Seitenarm des gro-ßen, weiten, tiefen Meeres. Nun gibt es viele Möglichkeiten, ein Auto an einem Berg gegen das Wegrollen bzw., noch wichtiger, sich selbst dagegen zu sichern, das Auto am nächsten Morgen in einem Baum, einem Bootsschuppen oder den Weiten des Meeres wiederzufinden. Man kann einen Gang einlegen und Vertrauen in die Technik haben. Oder das Lenkrad einschlagen. Die Handbremse anziehen. Man kann, wenn es wirklich doll bergab geht, einen Bremskeil unterlegen. Hier aber, bei dieser lächerlichen Steigung, wo ich wahrscheinlich gerade mal einen Gang eingelegt hatte, kringelte ich mich jeden Abend vor Lachen, wenn ich sah, wie Opa aus Berlin seinen granitenen Bremskeil vor das Hinterrad wuchtete. Das fand ich spießig. Das Einfache mit Akribie kompliziert zu machen, Gefahr ins Ungefährliche zu dichten, um sich dann vorzugaukeln, man habe die volle Kontrolle, das ist spießig. Also sind Spießer irgendwie Bremskeile, fragte meine Tochter. Ich nickte schweigend.
29.5.07 09:44
 


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